Zero-Tolerance oder vielleicht doch lieber ein abgestufter Sanktionskatalog?

Um eine unnachgiebige Ahndung von Compliance-Verstößen im Unternehmen glaubhaft zu demo­nstrieren, wird nicht selten gefordert, dass eine sogenannte Zero-Tolerance-Regel in Unternehmen eingeführt wird. Diese Regel besagt, dass auch kleinere Compliance-Verstöße mit einer fristlosen Kündigung geahndet werden müssen.

Wenn Sie Überlegungen anstellen, in Ihrem Unternehmen ein Compliance-Management-System (CMS) einzuführen bzw. ein bestehendes Compliance-Management-System zu optimieren, werden Sie sich mit dieser Forderung auseinan­dersetzen müssen.

Um entscheiden zu können, ob dies ein sinnvoller Schritt für Ihr Unernehmen ist, sollte Ihnen zu­nächst einmal der Hintergrund dieser Zero-Tolerance-Regel bewusst sein. Wie so vieles auf dem Gebiet der Compliance wurde auch diese Regel aus den USA importiert. Als sogenannte "Theorie der zerbrochenen Fenster" (broken-windows theory) wurde sie Anfang der 90er Jahre vom New Yorker Polizeichef in die Praxis umgesetzt, um der ausufernden Kriminalität in dieser Stadt entgegen zuwirken. Nach dieser Theorie führte eine eingeworfene Fensterscheibe eines Gebäudes dazu, dass bald weitere Fenster, dann andere Teile des Hauses zerstört würden. Um den damit einhergehen­den Zerfall des Gebäudes und dem daraus folgenden, schleichenden Niedergang der Straße, des Stadtviertels zu verhindern, müsse also jedes noch so kleine Vergehen drakonisch bestraft werden.

Daher stellt sich zunächst die Frage, ob Ihr Unternehmen wirklich mit den Zuständen in der Bronx im Jahre 1994 zu vergleichen ist. Wohl eher nicht, oder? Dennoch sollten Sie sich weite­re Fragen stellen, um zu prüfen, ob Zero-Tolerance nicht doch eine sinnvolle Vorgehensweise sein könnte.

Wie nehmen es Ihre Mitarbeiter und Führungskräfte auf, wenn ihnen bei dem geringsten Compliance-Verstoß eine außerordentliche Kündigung sicher sein soll?

Eine mögliche und leider nicht seltene Reaktion ist, dass Mitarbeiter und Führungskräfte Entschei­dungen nach oben delegieren – da macht man ja schon nichts falsch, zumindest führt es nicht zum Arbeitsplatzverlust, zum Entzug der wirtschaftlichen Existenz.

Auch werden sie versuchen, sich so gut wie möglich abzusichern, in dem sie ihre Vorgesetzen und die Geschäftsleitung mit Anfragen über die Behandlung von Compliance-Fragen überschütten. Eine schlanke und kostengünstige Compliance-Organisation in Ihrem Unternehmen kann dies praktisch nicht mehr bewältigen. Compliance wird somit zu einer zentralen Schaltstelle in Ihrem Unterneh­men, die in die Rolle gedrängt wird, zu entscheiden, ob ein Geschäft abgeschlossen werden darf oder nicht. Dies führt wiederum zu einer Entmündigung der eigentlich für das operative Geschäft verantwortlichen Manager.

Können und wollen Sie als Geschäftsleitung eine Zero-Tolerance-Regel wirklich unter allen Umständen durchsetzen? Wenn nicht, sollten Sie sie nicht einführen, da Sie, als Geschäftslei­tung und damit auch das Thema Compliance an Glaubwürdigkeit verlieren.

Einer unnachgiebigen Durchsetzung steht zum einen das deutsche Arbeitsrecht entgegen, dass fristlose Kündigungen nur in sehr engen Grenzen zulässt. Dazu muss der Mitarbeiter z.B. hinrei­chend über das Thema Compliance informiert und geschult worden sein. Zum anderen kann es im Interesse des Unternehmens sein, sich die Zusammenarbeit des betreffenden Mitarbeiters bei der weiteren Aufklärung von Compliance-Verstössen zu sichern, um z.B. im Falle eines Verstoßes gegen das Kartellrecht in den Genuss von Kronzeugen- oder Bonusregelungen zu kommen.

Darüber hinaus kann die Belegschaft Ihres Unternehmens die Durchsetzung eines Prinzips im Einzel­fall als grob ungerecht empfinden, was zu einer Entfremdung von einer bis dato einhellig mitgetra­genen Unternehmensleitung führen kann. Katastrophal wirkt in einem solchen Szenario, dass, aus welchen Gründen auch immer (s.o.), in einem vergleichbaren Fall eben nicht mit der gleichen Härte das Prinzip "Zero Tolerance" verteidigt wurde.

Sollte durch einen Compliance-Verstoß das Unternehmen z.B. einen Großauftrag erhalten haben, der Arbeitsplätze sichert und für den die Führungskräfte und die Mitglieder der Geschäftsleitung des Unternehmens im Rahmen ihrer variablen Vergütung belohnt werden, stellt sich eine weitere Frage: Warum sollen alle in dem Unternehmen von der Straftat profitieren und nur der Mit­arbeiter, der, vielleicht sogar im Unverstand etwas falsch gemacht hat, wird gekündigt? Muss die Geschäftsleitung nicht auch ihre Tantieme anteilig zurückgeben? Was ist mit den Anteils­eignern?

Dies sind nur einige Fragen zur Zero-Tolerance-Regel, einer Theorie die in einem völlig anderen Kontext entwickelt wurde und deren Erfolg in den USA durchaus kritisch hinterfragt wird. Die Ein­führung der Zero-Tolerance-Regel in Ihrem Unternehmen will daher sehr gut überlegt sein. Es kann ihre Anstrengungen hin zu einer nachhaltigen Compliance in Ihrem Unternehmen unterlaufen.

Als Geschäftsleitung sind Sie in der Pflicht, Compliance-Verstöße rückhaltlos aufzuklären und nachhaltig zu ahnden. Ein angemessener, abgestufter Sanktionskatalog mag für Ihr Unternehmen und dessen Kultur sehr viel hilfreicher sein, da er in jeder Situation konse­quent angewendet werden kann.


The severest justice may not always be the best policy. (Abraham Lincoln)